Ein Gespräch mit Michael Schmidt, Creative Director bei VI, über moderne Kommunikation, Haltung, Verantwortungsbewusstsein und den Wandel hin zu skalierbaren People Programmen.
Michael, überall entstehen Corporate Influencer Initiativen. Gleichzeitig warnen viele vor Überforderung und Druck auf Mitarbeitende. Wie siehst du den aktuellen Stand?
Wir stehen vor einer spannenden Herausforderung: Menschen wollen echten Bezug zu Marken – das zeigen LinkedIn Benchmarkdaten sehr deutlich. Gleichzeitig verlangen diese persönlichen Einblicke eine neue Form des verantwortungsvollen Umgangs mit den Menschen, die sichtbar werden.
Wenn Mitarbeitende ihre Erfahrungen teilen, geben sie ein Stück ihrer Identität preis. Unternehmen müssen lernen, damit achtsam umzugehen. Nicht durch Moral oder erhobenen Zeigefinger, sondern durch Haltung: Was ist für uns ein fairer Rahmen? Wie schützen wir persönliche Grenzen? Wie schaffen wir Transparenz über Chancen und Risiken?
Menschenzentrierte Kommunikation funktioniert nur, wenn Unternehmen lernen, nicht nur Reichweite zu managen, sondern Vertrauen zu gestalten. Die Edelman Trust Studien zeigen das schon seit Jahren sehr deutlich (Edelman Trust Barometer 2019): Menschen vertrauen Menschen.
Was braucht es, damit ein Corporate Influencer Programm wirklich verantwortungsvoll funktioniert?
Drei Dinge: Klarheit, Haltung und Begleitung. Wir helfen Unternehmen dabei, genau das aufzubauen. Für uns heißt das: Verantwortungsvoll mit persönlicher Sichtbarkeit umgehen, Haltung bilden – gemeinsam, im Dialog zwischen Management, HR, Marketing, Betriebsrat, Kommunikation und den Mitarbeitenden selbst und Menschen befähigen, statt sie nur als Reichweitenkanal zu behandeln.
Ein Programm wird erst dann stabil, wenn es nicht nur Inhalte produziert, sondern ein System schafft, das Menschen schützt, unterstützt und inspiriert.
Viele kennen deine großen Programme, etwa bei Generali. Wie startet man so etwas überhaupt?
Nicht mit einem Großprojekt. Wir empfehlen immer: klein pilotieren – groß ausrollen. Das kann ein 6 bis 12-wöchiger Pilot mit 5–15 Mitarbeitenden sein. Ziel: erste Erfahrung sammeln, Rollen definieren, Verantwortung klären, Schutzmechanismen etablieren und Wirkung messbar machen. Wenn das funktioniert, folgt der mehrjährige Aufbau. Genau so entstanden auch unsere großen Programme – wie etwa bei Generali.
Welche Rolle spielen echte, persönliche Geschichten dabei?
Eine zentrale – aber nur, wenn sie aus freien Stücken kommen. Auf LinkedIn funktionieren gerade zwei Dinge besonders gut: Echtes Erfahrungswissen und persönliche Einblicke in den Arbeitsalltag.
Deshalb arbeiten wir mit dokumentarischen Ansätzen. Die Geschichten gehören den Menschen – nicht dem Unternehmen. Wir helfen lediglich, sie sichtbar zu machen, strukturiert zu erzählen und in Kampagnen einzubetten, ohne ihre Authentizität zu verlieren. So entsteht ein Kommunikationsstil, der nicht belehrt, sondern verbindet.
Und wie verändert sich die Rolle von Corporate Influencern 2026?
Wir bewegen uns weg von „Mach mal Content“ hin zu „Wir gestalten Systeme, die konstanten Kontakt zwischen Menschen und Zielgruppen ermöglichen.“
2026 bedeutet Kommunikation: weniger Produktion, weniger einzelne Posts, mehr Orchestrierung und mehr Programme, Netzwerke und kontinuierliche Präsenz. Die Zukunft ist nicht der einzelne Corporate Influencer. Die Zukunft ist ein Organisationssystem, in dem Menschen ihre Perspektiven einbringen – verantwortungsvoll, begleitet, planbar.
Für Unternehmen: Womit sollte man starten, wenn man 2026 in dieses Feld einsteigen will?
Mit kleinen, risikoarmen Schritten: zuerst 1–2 Workshops, dann einen Mini Pilot (6–12 Wochen) mit einem crossfunktionalen Kernteam, klarer Haltung zu Verantwortung und danach eine erste Erfolgsmessung. Dann wird aus einer Idee ein System. Und aus einzelnen Stimmen ein glaubwürdiges Unternehmensprofil.